3.Oktober 2010

An diesem 3.Oktober, zwanzig Jahre nach der Deutschen Wiedervereinigung, sitze ich in einem Hotel am anderen Ende der Welt. Allein, fern von meiner Familie und von meinen Freunden – und fern auch von meinem geliebten Leipzig, das mir soviel gegeben hat in meiner dortigen Zeit.

Leipzig und ich, das war die Stadt der Wende, in der ich 1989 als Demo-Teilnehmer Kopf und Kragen riskierte und gehörig ins Schwitzen geriet, weil ich die BILD-Reporterin, die mich um meine Meinung bat, für einen Stasi-Spitzel hielt. Leipzig, das war auch das Gohliser Schlösschen, an dem ich vor der Wende immer wieder mit der Straßenbahn vorbeifuhr und traurig wurde, weil der Verfall scheinbar nicht aufzuhalten war und der Abriß vorhersehbar war. Das war doch meine Stadt, das war ihre Geschichte! Ich fühlte mich ohnmächtig. In Leipzig hatte ich Freunde fürs Leben gefunden und (so dachte ich) die Liebe. Viele Weichen habe ich in dieser Zeit gestellt, persönlich und beruflich. Die Freundschaft ist geblieben, und wenn auch diese Liebe nicht von Dauer war, haben mir die Wendejahre doch gezeigt, daß Menschen eine innere Moral haben, die über allen gesellschaftlichen Umständen steht.

Warum komme ich auf Leipzig und die Moral zu sprechen? Die Bilder von Wasserwerfern im Stuttgarter Schloßpark lassen für mich gespenstige Parallelen zu 1989 aufkommen. Eben noch sind meine Kinder mit dem Laufrad um diese alten Platanen gefahren, vor denen jetzt offenbar ein drei Meter hoher “Schutz”-Zaun steht, der mich, zumindest auf den Fotos, die ich bisher sah, fatal an die ehemalige innerdeutsche Grenze erinnert. Eben noch hatte ich mich mit meiner Liebsten unter der großen Uhr des Leipziger Hauptbahnhofs verabredet, und schon kurze Zeit später wimmelte es dort von Stasi-Leuten in Zivil (die in ihren immergleichen Lederjacken fast schon wieder uniformiert erschienen), und die Stadt schien nicht mehr mir zu gehören. Eben noch schaut mein Sohn Felix begeistert der Pferdestaffel der Böblinger Polizei zu, und plötzlich geht eben jene Polizei brutal und mit Tränengas gegen junge Schüler vor, die im Schloßpark demonstrieren.

Kein schöner 3.Oktober.

Mit Recht hatte die Bundesrepublik den Unrechtstaat DDR angeklagt, der den Begriff der Bürgerrechte nicht mal kannte und diese seinen Untertanen natürlich auch nicht einräumte. Doch umso mehr schmerzt mich der in Stuttgart sichtbare Umgang mit dem Bürger, empören mich  die selbstgefälligen Reden derjenigen, die doch vom Bürger als Stellvertreter seiner Interessen gewählt wurden. Von den DDR-Führern hatte ich 1989 nichts anderes erwartet, wenn sie von angeblichen Staatsfeinden sprachen, die da in Leipzig demonstrierten, und dabei die tausendfachen “Wir bleiben hier”-Rufe unterschlugen. Doch die offensichtliche Ignoranz des Willens der Demonstranten in Stuttgart, das Absprechen der Legitimation der dort auf die Straße gehenden, ist schon sehr traurig.

Immer noch ist mir nicht klar, warum der Herbst 1989 friedlich verlief, warum die in der Georg-Schumann-Kaserne bereitgestellten LKWs nicht ausrückten, um die Soldaten gegen das eigene Volk in Stellung zu bringen. Ich hatte das Glück, mich im Alter von 19 Jahren in den entscheidenden Tagen von Leipzig nicht zwischen Schießen oder Gefängnis entscheiden zu müssen. Einen großen Anteil daran, daß diese Revolution friedlich blieb, hatten wohl der damalige Gewandhauskapellmeister Kurt Masur und der Umstand, daß Leipzig über einen Stadtfunk verfügte, mit dem Kurt Masur und viele andere per Lautsprecher in der Innenstadt zur Friedfertigkeit aufrufen konnten.

Vielleicht ist es das, was Stuttgart heute braucht: Eine herausragende Persönlichkeit, die von beiden Seiten respektiert wird, und die zwischen den Parteien vermitteln kann, so daß der Stuttgarter Herbst so ausgeht wie der Leipziger: friedlich.

Überraschung

Einerseits hatte ich mich darauf gefreut, wiedermal was von Kim Wilde zu hören, gehörte sie in den 80ern doch zu meinen (Musik-) Idolen. Andererseits hatte ich auch ein bißchen Angst vor einer Enttäuschung, denn nach so langer Pause ein gutes Album abzuliefern, gelingt nicht vielen.

Gestern wurde ich von Kim Wilde’s neuem Album “Come Out and Play” (iTunes-Link) überrascht – und zwar auf unerwartet positive Weise. Nicht nur sind die meisten Songs auf dem neuen Album für meinen Geschmack sehr gut, auch scheint Kim’s Stimme eher gereift als einfach nur gealtert zu sein.

Meistens bevorzuge ich die schnelleren und rockigeren Uptempo-Nummern, zu denen gleich die ersten beiden Songs (“King of the World” und “Lights Down Low”) gehören. Und nach einem kleinen Tief in Gestalt von “Real Life”, das mich leider an diese unsäglichen, auf Dance-Tempo beschleunigten Balladen erinnert, geht es mit “I Want What I Want” und “Suicide” gleich mit viel Energie weiter.

Zwar nicht ganz nach meinem Geschmack, ist “Love Conquers All (with Nik Kershaw)” für mich dann doch noch eine der erträglicheren Schmusenummern. Der Tiefpunkt ist aber dann mit “Loving You More” erreicht.  Nicht wirklich schlecht, aber es ist alles ein einziges Gejammer, und die Phrasen hat man auch alle schon x-mal gehört (“… can’t live without you by my side …”).

“Get out” reißt es wieder raus. Ein treibender Bass, ordentlich Bratgitarre und zirpende Keyboards klingen nach der alten Kim, und auch stimmlich erinnert vieles an die Power von “Chequered Love” oder “View from a bridge”. Kurz vor Schluß wird dann für mich mit “My Wish Is Your Command” das Thema des Albums nochmal deutlich unterstrichen: “Rockige Pop-Power”.

Der letzte Song auf dem Album, “Jessica”, wirkt wie ein Bonus-Track, der nicht wirklich zum Album gehört, aber eine andere, schon fast jazzige Kim Wilde erahnen läßt. Legt da jemand den Grundstein für die nächste Platte in einem ganz anderen Genre?

Hoffentlich nicht, denn der Rest des Albums kracht und ballert so schön in alter Frische, daß hoffentlich noch viel von dieser wilden Kim zu hören sein wird. Dieses überraschende Album ist ganz und gar gelungen!